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Chancengleichheit
KULTUR UND CHANCENGLEICHHEIT
Frauen und Mädchen : Eine von Diskriminierung gezeichnete Sozialisation
Das soziale Geschlecht kommt vor dem biologischen. Bis zum Alter von etwa sieben Jahren ist sich ein Kind seines körperlichen Geschlechts nicht bewusst. Davor sieht es sich also nur aufgrund sozialer Kriterien als Junge oder als Mädchen : lange Haare sind für Mädchen, kurze für Jungen, rosa ist für Mädchen, blau für Jungen … Anhand dieser Stereotypen definiert ein Kind sein Umfeld und den Platz, der ihm gemäss seines Geschlechtes zugewiesen ist. Erst ab etwa dem siebten Lebensjahr versteht ein Kind sein Geschlecht auch aus biologischer Sicht und begreift es als Teil seiner Identität, der sich nicht ändern kann.So ist es in Kinderbüchern üblich, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu betonen und sie in die klassische und festgefahrene Rollenverteilung zu zwängen : Eine Studie über die Figuren in Kinderbüchern zeigt auf, dass der Platz der Frauen grösstenteils auf die Mutterrolle beschränkt ist.
Auch bei Spielen und Spielzeug sind die Unterschiede markant. Anne Dafflon Novelle bemerkt in einem Interwiev mit l'émilie (eine feministische Zeitschrift seit 1912) in der Nummer von Dezember 2005 / Januar 2006, dass die Vielfalt und die Menge im Angebot an Spielzeug für Jungen um vieles höher ist als für Mädchen.
Diese Sozialisation beginnt sehr früh und beeinflusst das Vorstellungsvermögen der Kinder, das ihre Vorstellung ihres zukünftigen Platzes in der Gesellschaft modelliert.
Die Mädchen möchten Lehrerin und Krankenschwester werden, die Jungen Feuerwehrmann und Polizist oder Ingenieur und Pilot. Diese Wünsche können auch ganz anders ausfallen, wenn im familiären Umfeld des Kindes eine Frau ein Studium absolviert hat. In diesem Fall sieht sich ein kleines Mädchen eher einen Weg gehen, der üblicherweise von den Jungen gegangen wird.
Natürlich üben nicht nur Marketing und Werbung Einfluss auf die berufliche Richtung, die die Kinder einschlagen, sondern auch die Erziehung der Eltern. Diese Faktoren dürfen aber nicht vernachlässigt werden, wenn man die deutlichen Unterschiede in der Berufswahl von Mädchen und Jungen verstehen möchte.
Ein interessantes Zitat zum Thema des Bewusstseins des biologischen Geschlechts von Dominique Rateau, inspiriert von Elisabeth Badinter in einer Analyse der Rollenverteilung in Kinderbüchern (site de la citrouille (librairies engagées), dossier masculin-féminin) : "Die Weiblichkeit, die Männlichkeit und die Beziehung zwischen männlich und weiblich werden laufend neu definiert. Jede Generation muss aufgrund der wirtschaftlichen, technologischen, politischen, soziologischen und philosophischen Bedingungen ihrer Zeit die Charakteristiken von weiblichen oder männlichen Verhaltensweisen bestimmen."
Bei den Farben verhält es sich ebenso : Wir unterscheiden stärker zwischen rosa und blau, weil die Farben jeweils einem Geschlecht zugewiesen werden. Rosa scheint unbestritten die Farbe für Mädchen und blau die für Jungen zu sein.
So war es aber nicht immer : Im Mittelalter war rosa als Ableitung von rot die Farbe der Soldaten und Krieger, also der Männer, während blau die Farbe der Jungfrau Maria war, also der Frauen. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich diese Zuteilungen gewendet; keine der zahlreichen Erklärungen der Historiker ist allgemein anerkannt. Interessanterweise betraf diese Assoziation der Farben mit einem Geschlecht früher nur Erwachsene und Kinder : Kleinkinder waren weiss gekleidet, weil gefärbte Stoffe dem häufigen Waschen nicht standhielten. Weiss symbolisierte auch die Reinheit und Unschuld der Kindheit.
Die Rolle der Geschlechterdefinition liegt nicht allein bei den Eltern. Die Kinder sind einer wachsenden Zahl von äusseren Bezugspunkten ausgesetzt, die von einem auf die Geschlechterrolle ausgerichteten Marketing gestützt werden.
In Kinderbüchern wird die Frau oft als Hausfrau dargestellt, die das Essen bereitet, sich um die Kinder und den Ehemann kümmert, die Einkäufe erledigt und die Kinder zur Schule bringt. Der Grossteil der Frauenfiguren wird dabei mit einer Schürze dargestellt, vermittelt Sicherheit und Wärme und steht stets zuhause zur Verfügung, da sie ja nur selten ausser Haus arbeiten. Der Vater dagegen repräsentiert Autorität und Intelligenz (er wird oft mit Brille dargestellt), kommt mit seiner Ledermappe von der Arbeit nachhause, setzt sich mit seiner Zeitung in den Sessel und wartet, bis man ihn zum Essen ruft.
Diese Darstellungen entsprechen in keiner Weise mehr der aktuellen Realität, da mehr als 70% der Mütter von kleinen Kindern arbeiten und die Väter im Familienleben eine viel gewichtigere Rolle spielen.
Auch bei den Helden und Heldinnen sind die Unterschiede frappant. Helden sind, gemäss ihrem Namen, selten weiblichen Geschlechts. In einem Artikel der Liberté vom 28. Februar 2007 schreibt Anne Dafflon Novelle, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Genf, Doktorin der Psychologie, dass die männlichen Hauptrollen in den untersuchten Kinderbüchern (von 1990 bis 2000) eine erdrückende Mehrheit ausmachten : Es gibt fast zweimal mehr Helden als Heldinnen (und fast zehnmal mehr in den Büchern für die Kleinsten, von 0 bis 3 Jahren - wobei für diese Altersgruppe der Grossteil der Helden in Tierfiguren dargestellt wird, deren Bilder in der Darstellung von Geschlechterrollen noch deutlicher eingeprägt bleiben als die Bilder von Menschenfiguren).
Infolge dieser Studie wurde ein Verein gegründet, der Kinderbücher mit ausgeglichener Rollenverteilung (aufgwertete Frauenrollen und Männerrollen in sog. weiblichen Aktivitäten) anhand eines Qualitätslabels fördern soll : Nahezu 50 Kinderbücher wurden bereits mit der Auszeichnung des Vereins Lab-elle versehen.
Auch geschlechtsbezogene Spielzeuge drängen kleine Mädchen in die als weiblich empfundenen Bereiche wie den Haushalt (Puppengeschirr, kleine Putz- und Kochgeräte), die Schönheit (Schminke, Basteln von Schmuck) oder die Mutterschaft (Puppen), während die Jungen auf ihren beruflichen Ehrgeiz (Feuerwehrmann- oder Polizeikostüm, Autorennen) oder ihre wissenschaftliche Neugierde (Bauklötze, Mikroskope) getrimmt werden. Interessanterweise wird als beunruhigend aufgefasst, wenn ein Junge mit Puppen spielt - ein Mangel an Männlichkeit - während ein Mädchen, das mit Autos oder Bauklötzen spielt, ermuntert wird.
Die Marketingverantworlichen der Spielzeugwelt verfolgen diese Differenzierung indessen weiter, indem sie von denselben Spielzeugen je eine Version für Mädchen und eine für Jungen anbieten - auch bei geschlechtsneutralen Spielen wie Reaktions- oder Lernspiele, die bis anhin verschont geblieben waren. Das knallrosa Fahrrad der Ältesten wird nicht dem kleinen Bruder weitergegeben werden können (es könnte, wohlgemerkt - aber die Kraft der Vorurteile in Bezug auf die Farbe rosa könnte dem Kind Probleme bereiten).
Aber auch die Geschlechtertrennung im Bereich der Spiele ist nicht etwa so selbstverständlich und traditionell, wie man vermuten könnte. Tatsächlich wurden die Spielzeuge - wie die sprachliche Gleichbehandlung - erst vor kurzer Zeit einer derart deutlichen geschlechtlichen Konnotation unterworfen : Vor dem 19. Jahrhundert gab es keine oder kaum Unterschiede zwischen den Spielzeugen. Der Grossteil war unterschiedslos sowohl für Mädchen als auch für Jungen bestimmt (wenigstens im Kleinkindalter, bevor die schulische Erziehung begann, wo die Jungen bereits bevorzugt wurden). Das einzige Spielzeug, das immer als ausschliesslich weiblich gelten sollte, ist die Puppe.
SPRACHE UND CHANCENGLEICHHEIT
Geschichte : Die Stellung der Frau in Gesellschaft und Sprache
Wohlgemerkt : Die sprachliche Diskriminierung (u.a. in deutsch und französisch) hat nicht immer bestanden. Im Mittelalter etwa war es selbstverständlich, dass bei einer Ansprache neben den männlichen Formen auch die weiblichen verwendet wurden. Die geschlechtsneutrale Sprache kam also schon damals zur Anwendung.Bis zum 13. Jahrhundert wurde ebenso von Frauen wie von Männern regiert, gearbeitet, geführt oder verwaltet; die Frauen betrieben Gütertrennung, leisteten Militärdienst etc. Sie folgten auch ihren Vätern, Ehemännern oder Cousins auf die Throne Europas (etwa in Russland oder Spanien).
Nach verschiedenen juristischen und historischen Manipulationen, die die Thronbesteigung der Tochter des Königs Ludwig X nach dessen Tod zugunsten eines männlichen, weiter entfernten Verwandten verhindern sollte, wurden zur Rechtfertigung dieses Vorgehens ältere Gesetze wieder eingeführt oder abgeändert.
Die Rede ist von der Lex Salica, der Exhumierung eines Ursprungsmythos der ersten Gesetzestexte bei den Franken, ursprünglich v.a. Straf- und Familienrecht. Darin waren die Frauen zwar von der Erbschaft von Liegenschaften ausgeschlossen, allerdings nur unter gewissen Umständen; und die Frau unterstand mehr der Autorität der Familie denn der des Mannes.
Frankreich, Juni 1593 : Das Parlament erlässt eine Verordnung, die den Frauen sämtliche Mitwirkung an Staatsgeschäften untersagt. Sie verlieren schrittweise ihre finanzielle Unabhängigkeit, müssen sich ihrem Ehemann unterordnen, müssen bei einer Heirat seinen Namen annehmen … Gleichzeitig verlieren die Frauen ihre Stellung, ihren Status, ihre Rechte und ihre Privilegien in der Gesellschaft, die von da an der männlichen Form universelle Gültigkeit attestiert.
Trotz allem darf man nicht vergessen, dass die Ehefrauen der Machthaber diese Gesetze in Übergangsphasen oftmals umgehen konnten. So haben sie, sofern ihre Söhne noch minderjährig waren, ad interim regiert, wenn ihre Ehemänner krank oder in den Krieg gezogen waren oder bis nach deren Tod ein Thronfolger ernannt war …
FRAUENPORTRAITS
Einige Portraits von Frauen, die Geschichte geschrieben haben und deren Namen dennoch untergegangen sind …
- Lady Ada Lovelace (1815 – 1852) : Erfinderin der modernen Rechenmaschine, Programmiererin
- Trotula ( - 1097) : Ärztin, Autorin zahlreicher medizinischer Werke
- Rosalyn Sussman Yalow (1921 - ) : Miterfinderin der Radioimmunologie, Nobelpreis für Medizin 1977
- Ellen Swallow Richards (1842 – 1911) : Chemikerin
- Stéphanie Kwolek (1923 – ) : Chemikerin, Erfinderin des Kevlar
- Hypatia (~370 – 415) : Mathematikerin, Philosophin und wahrscheinlich Erfinderin des Astrolabium und der Waage
- Marie Curie (1867 – 1934) : Physikerin und Chemikerin, zweifache Nobelpreisträgerin (1903 und 1911)
- Nettie M. Stevens (1861 – 1912) : Physiologin
- Virginia Apgar (1909 – 1974) : Anästhesiologin
- Maria Goeppert-Mayer (1906 – 1972) : Physikerin, Nobelpreis für Physik 1963
- Maria Gaetana Agnesi (1718 – 1799) : Mathematikerin
- Lise Meitner (1878 – 1968) : Atomphysikerin
- Jocelyn Bell Burnell (1943 – ) : Astronomin
- Graces Murray Hopper (1906 – 1992) : Forscherin in Informatik
- Barbara McClintock (1902 – 1992) : Genetikerin, Nobelpreis für Medizin und für Physiologie
Weitere historische Persönlichkeiten
- Network Ethnicity Women Scientists NEWS
- 4000 years of women in science
- Biographies of women mathematicians

